Der größte Urwald Europas ist ein Zwerg

Der Nationalpark Schwarzwald ist klein aber wertvoll in einer dicht besiedelten Landschaft. Wir brauchen mehr davon.

von Luka Hoschka

Axt und Säge sind längst Geschichte. Die Motorsäge ist nur noch ein sekundäres Hilfsmittel. Stattdessen fahren heute riesige Holzerntemaschinen und Transporter durch die Wälder, weil es damit viel schneller geht. In den Tropen hält ihnen schon lange nichts mehr stand, und, wie allgemein bekannt, schrumpfen die Waldbestände dort stündlich um gigantische Flächen. Mittlerweile sind nur noch 20 Prozent des ursprünglichen tropischen Regenwalds übrig geblieben.Wer das Wort Urwald hört, denkt automatisch an den tropischen Regenwald. Jedoch gibt es auch ganz andere Arten von „Urwald“.

Urwälder sind Horte der Artenvielfalt

Umgefallene und abgestorbene Bäume - Im Urwald gehören sie dazu

Umgefallene und abgestorbene Bäume – Im Urwald gehören sie dazu

 Der Begriff bezeichnet im Grunde nur einen Wald, der sich unberührt vom Menschen entwickelt. In Wirtschaftswäldern werden die Bäume bereits in ihrer Jugendphase genutzt, so dass überlebenswichtige Strukturen wie Totholz, Höhlen und grobborkige Rindenstrukturen weitgehend fehlen. Ausreichend Brut- und Nahrungsstätten entstehen nur in unbewirtschafteten Wäldern, die vielen Tier- und Pflanzenarten als Rückzugsraum dienen.

In dem Konzept „Urwälder von morgen“ des Naturschutzverbands NABU wird diesen Arten ein mindestens 100 Hektar großes Gebiet zugesichert, das sich nach frühestens 100 Jahren erst „Urwald“ nennen darf. Die ersten sprunghaften Anstiege in der Qualität der Artenzusammensetzung zeigen sich in einem Wald, der in Ruhe gelassen wird, bereits nach 50 Jahren, meint Nicola Uhde, Wald-Expertin beim Naturschutzverband BUND. Existieren kann ein solcher Wald im Prinzip überall, wo Bäume wachsen. In den Tropen schrumpfen die Urwälder stetig zusammen. In Deutschland sind die Waldbestände dank vergleichsweise behutsamer Forstwirtschaft stabil. Aber Urwälder? Gibt es in einem Land wie unserem noch echten Urwald? Oder Naturwald? Oder Schutzwald? Oder wie auch immer man es nennen mag.

Urwälder – in Europa ein seltener Lebensraum

Mit Ur- oder Naturwäldern sieht es in Deutschland leider schlecht aus. Es gibt lediglich kleinere Gebiete, welche zumindest einen ursprünglichen Charakter aufweisen – im Thüringer Wald etwa, im Bayerischen Wald oder im Harz. Außerdem gibt es einige Wälder, die seit mehreren Jahren nicht mehr von Menschen genutzt werden; bis diese jedoch wieder einen typischen Urwaldcharakter aufweisen, wird es noch viele Jahrzehnte bis Jahrhunderte dauern.

Und wie sieht es bei unseren Nachbarn aus? Was ist zum Beispiel mit Österreich? Volltreffer! Im Wildnisgebiet Dürrenstein gibt es rund 500 Hektar Wald, die nach der letzten Eiszeit entstanden und seither vollkommen der Natur überlassen geblieben sind.“ Es ist der größte echte Urwald in Mitteleuropa. Aber jetzt mal ehrlich: 500 Hektar Wald – ein größerer Urwald ist in ganz Mitteleuropa nicht drin? Demnach könnten die Russen in Osteuropa richtig stolz sein auf ihren Urwald zwischen Elbrus-Gebirge und Kaspischem Meer. Mit etwa 300.000 Hektar ist er der größte zusammenhängende, noch vollständig erhaltene Urwald Europas. Aber im Vergleich zu den tropischen und subtropischen Urwäldern wirkt selbst er noch zwergenhaft.

Blick auf den Bannwald am Wilden See

Blick auf den Bannwald am Wilden See

Einige Politiker hat das wohl auch schockiert: Denn im Schwarzwald hat man nun auf 10.000 Hektar einen Naturwald unter Schutz gestellt, sie haben den Nationalpark Schwarzwald geschaffen. Um die Kernzone am Wilden See, die nun schon seit hundert Jahren nicht mehr genutzt wird, soll mit den Jahrzehnten wieder ein Urwald entstehen. Keine Bäume werden mehr geschlagen und herausgenommen. Man lässt die Natur Natur sein. Die toten Bäume werden von seltenen Tieren genutzt, dem Dreizehenspecht etwa oder dem Sperlingskauz. Auch unscheinbare Moose, Flechten und Pilze sind auf diese Umgebung angewiesen.

Lange Diskussionen im Schwarzwald – Nationalpark ja oder nein?

Doch warum gab es darum so lange Streit, warum wurde darüber jahrelang hart diskutiert? Wer sind die Gegner, und was stört sie an einem Projekt, das der Natur ermöglicht, sich von Jahrhunderte langer Nutzung wieder zu erholen?

Keine Frage, wir alle brauchen den Wald. Nicht nur zur Erholung und für frische Luft. Auch auf ein gemütliches Feuer im Winter, das mit Buchenholz aus dem Wald befeuert wird, und Holzmöbel verzichten viele ungern. Auch dem Auerhuhn ist der Nordschwarzwald alles andere als egal – es braucht ihn möglichst natürlich und unberührt. Viele Förster sehen den Nationalpark als Angriff auf ihre nachhaltige Forstwirtschaft. Sie und andere Nationalparkgegner glauben, die Verfügbarkeit von Holz nehme dadurch so rapide ab, dass der Bedarf nicht so einfach aus anderen Regionen ersetzen werden könne. „Der Bedarf muss aus anderen Wäldern gedeckt werden, die dadurch zu sehr unter Druck geraten“, sagt Förster Reiner Bickel aus Bodman. Es dürfe jedoch nicht das Ziel eines Nationalparks sein, andere Wälder zu bedrohen.

Auch Sammler von Pilzen und Beeren reagieren verärgert. Sie befürchten, ausgesperrt zu werden. Dabei war das Sammeln auch vor der Ausweisung des Nationalparks schon in einigen Regionen verboten, und es wird auch innerhalb des Nationalparks Bereiche geben, in denen es erlaubt ist.

Keine Sorge vor Borkenkäfer und Co

Befürchtungen, im unberührten Wald könnten sich auch Borkenkäfer ungehindert ausbreiten und zur Plage werden, konnten bereits ausgeräumt werden. Der Nationalpark wird von Förstern und Rangern überwacht und in verschiedene Zonen eingeteilt: Die Kernzone und eine sogenannte Entwicklungszone, in der noch 30 Jahre lang kleine Eingriffe vorgenommen werden, um sie dann der Kernzone hinzuzufügen, werden von einer „Managementzone“ umfasst. Sie ist 500 Meter breit und dient als eine Art Puffer, in dem der Borkenkäfer gegebenenfalls bekämpft wird, um ihn aus benachbarten Wirtschaftswäldern fernzuhalten.

Auch Befürchtungen, im Nationalpark würden Besucher ausgesperrt, sind unbegründet: Ein Nationalpark ist frei zugänglich und kostet keinen Eintritt. Die Touristen können hautnah Natur erleben und die einheimische Tier- und Pflanzenwelt kennenlernen. Dabei bringen sie viel Geld in die Region, lokale Geschäfte können ihre regionaltypischen Produkte besser verkaufen. Schon jetzt hat der Nationalpark Schwarzwald zu einer Verdopplung der Besucherzahlen geführt, angelockt nicht zuletzt durch ein Museum und ein Informationszentrum. Demnächst soll auch ein Waldturm errichtet werden, indem man die Stockwerke der Bäume bis hoch in die Wipfel hautnah erleben kann. Auch für die Forschung hat ein entstehender Urwald unschätzbaren Wert. Man kann zum Beispiel sehen, welche Pflanzenarten sich wieder ansiedeln und so vergleichen, welche Spezies in verschiedenen Regionen der Erde auf natürliche Weise vorkommen.

Nationalpark: Vorteile für alle

Ein gut organisierter Nationalpark bringt im Grunde für alle Beteiligten Vorteile. Vor allem für die Natur, wir haben ja gesehen, dass es in Europa fast keinen Urwald oder Naturwald mehr gibt, wo sie sich noch ungestört entfalten kann. Stefan Adler, NABU-Waldreferent, hat darum klare Ziele: „Um die Artenvielfalt zu schützen, ist neben der Ausweisung weiterer Schutzgebiete eine konsequent ökologische Forstwirtschaft unumgänglich. Wir können Vieles von den ‚Urwäldern von morgen‘ lernen, um auch im Wirtschaftswald für die Zukunft die richtigen Entscheidungen zu treffen“.

Groß werden sie nie werden, unsere Urwaldzwerge. Doch mehrere kleine Parks, verteilt über Deutschland – zur Zeit gibt es insgesamt 15 –, können vielen Tier- und Pflanzenarten helfen und sind allemal besser als nichts.

Bildquelle: Nachwuchsjournalisten

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