Totes Holz erhält Leben

Es gibt Hoffnung für bedrohte Arten. Immer mehr Nationalparks entstehen in Deutschland. Und dort tut man alles dafür, die Natur Natur sein zu lassen.

von Anja Volkwein und Theresa Wachtendorf

Es ist eine bekannte Tatsache, dass viele Tierarten bereits ausgestorben sind und immer weitere aussterben. Doch dies bezieht sich nicht nur auf weit entfernte Länder, sondern spielt sich direkt vor unserer Haustür ab. Schuld daran ist nicht zuletzt die möglichst gewinnbringende Nutzung der Natur, die vielen Tieren die Lebensgrundlage entzieht.

Wälder in Nationalparks sind sogenannte Bannwälder, das bedeutet, dass jegliche Nutzung verboten ist. „Wir setzen der Natur keine Grenzen“, sagt Dorothea Schulze, Umweltpädagogin im Nationalpark Schwarzwald. „Sie darf sich frei entwickeln und ausbreiten, ganz nach dem Motto: Natur Natur sein lassen.“ So wird der Wald mit der Zeit wieder zu einem Urwald mit seinem regionaltypischen Charakter. Nur in derart unberührten Wäldern bleiben abgestorbene Bäume einfach stehen oder liegen. Als sogenanntes Totholz bieten sie zahlreichen Tieren, Pflanzen und Pilzen neuen Lebensraum.

Totholz ist ein wichtiger Lebensraum für viele Tiere

Totholz ist ein wichtiger Lebensraum für viele Tiere

Totes Holz gehört zu einem lebendigen Wald

Was aber macht Totholz so besonders, welche Bedeutung kommt ihm im Kreislauf der Natur zu? Die meisten Menschen haben sich darüber noch gar keine Gedanken gemacht. Dabei ist die Antwort nicht schwer.
In Nutzwäldern werden Bäume, die als Bau- oder Möbelholz nicht in Frage kommen, meist bereits gefällt bevor sie absterben, um sie wenigstens als Brennholz zu nutzen und den Wald vor Schädlingen und Bränden zu schützen. Doch Totholz zu entfernen ist ökologisch betrachtet sehr bedenklich, denn es leistet einen großen Beitrag im natürlichen Kreislauf.
Es bringt zum Beispiel Nährstoffe zurück in das Ökosystem Wald. Der Verwesungsprozess abgestorbener Bäume setzt Stoffe frei, die vielen Lebewesen als direkte oder indirekte Nahrungsquelle dient. Außerdem ist Totholz für die Strukturgebung des Waldes von Bedeutung. So eignen sich die in abgestorbenen Bäumen bestehenden Höhlen als Brutplatz, Versteck und als Ort der Überwinterung für Spechte und Käuze. Unter dem Holz finden Borkenkäfer, Feuerkäfer und andere Insekten Schutz vor Witterung und Fressfeinden. Es kann etwa als natürliche Barriere auf dem Waldboden Lawinen und Hochwasser aufhalten. Die toten Bäume sorgen für Humus und setzen Nährstoffe frei. Außerdem dienen sie als Wasserspeicher, denn ihre Struktur ähnelt der eines Schwamms. Besonders Amphibien, Insekten und Weichtiere, ebenso wie Moose und andere Gewächse profitieren von der Feuchtigkeit im morschen Holz.
Darüber hinaus spielt Totholz auch in der Klimapolitik eine wichtige Rolle, denn es fungiert als Kohlendioxidspeicher. Im Gegensatz zu Bäumen, die verbrannt werden, speichert Totholz CO2 und verändert die Stoffkonzentration in der Luft nicht. Im Faulungsprozess des Baums wird der Kohlenstoff auch zu Nährstoffen abgebaut.

Viel Leben in totem Holz

Doch der wohl bedeutendste Aspekt zeigt sich in der Förderung der Artenvielfalt. Viele Lebewesen brauchen Totholz. Es gibt sogar Arten, die davon abhängig sind, weil sie nur in Totholz leben können. Für den Dreizehenspecht ist Totholz lebenswichtig.Ein Beispiel dafür ist der inzwischen selten gewordene Dreizehenspecht. Dieser Vogel (lateinisch Picoides tridactylus) ist eine von neun Spechtarten in Baden-Württemberg. Er ist etwa 20 Zentimeter lang, schwarz-weiß gefiedert mit einem markanten Wangenstreifen. Die Männchen unterscheiden sich durch eine goldgelbe Haube. Dreizehenspechte bevorzugen kühle Regionen, weshalb man sie in den mittleren und höheren Lagen Europas findet. Sie brauchen alte Nadelwälder mit großem Totholzangebot, zum Beispiel abgestorbene Fichten. Dort, unter der Rinde, finden sie Insekten wie den Borkenkäfer, das Leibgericht des Spechtes. Nur hier legen diese ihre Eier ab, die den Spechtjungtieren als einzige Nahrung dienen. Aus diesem Grund bauen die Dreizehenspechteltern ihre Bruthöhlen in das dafür besonders geeignete weiche Holz.

Für den Dreizehenspecht ist Totholz lebenswichtig.

 

 

Verlässt die Spechtfamilie den Bau wieder, wird dieser von anderen Tieren genutzt. Dies macht den Dreizehenspecht zu einer Schirmart, also einer Art, von deren Schutz gleichzeitig andere Arten profitieren. Leere Dreizehenspechthöhlen dienen neben Eichhörnchen, Mardern und Siebenschläfern auch Flugtieren wie Eulen, Käuzen und Fledermäusen als Nist- und Überwinterungsplatz. Da die Dreizehenspechte ihre Höhlen mit zwei Metern Abstand zum Boden vergleichsweise niedrig zimmern, nutzen auch Amphibien und Reptilien sie, um sich vor Hitze zu schützen oder zu verstecken.

Allerdings finden die Tiere Totholz heutzutage in normalen Nutzwäldern kaum noch. In ganz Baden-Württemberg gibt es mittlerweile nur noch sechs brütende Dreizehenspechtpaare. Drei davon nisten im Nationalpark Schwarzwald. „Wenn wir mehr Waldgebiete derart schützen würden und das Totholz einfach stehen ließen“, so Nationalparkranger Patrick Stader, könnte der Dreizehenspecht und mit ihm viele andere seltene Tierarten wieder viel zurückkommen.“

Bildquellen: Luka Hoschka, wikicommons

 

One Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.