Auf dem Weg zum Heide-Ranger-Diplom: Eine Reise durch die Kulturlandschaft Lüneburger Heide

Mit dem Heide-Ranger durch  einen toten Grund, ein vergessenes Heidedorf und an Hannibals Grab.

von Luisa und Jessica

„Herzlich Willkommen in Döhle!“, tönt es unter dem Hut hervor. Es ist Anfang Juli, Diplom-Biologe Jan Brockmann – der Wildnishüter der Lüneburger Heide, auch „Heide-Ranger“ genannt, – steht in voller Montur vor den Besuchern. Direkt neben dem Bus auf einem schattigen Plätzchen wartet auch schon eine Pferdekutsche – aber es wird gelaufen.

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Die ersten Schritte auf dem sandigen Boden der Lüneburger Heide (J. Bremer)

In sengender Hitze machen sich die Wanderer auf den Weg in den Naturpark Lüneburger Heide. Doch kein Zentimeter der Landschaft ist mit dem erwarteten Lila der Besenheide aus den Heideprospekten geschmückt. „Sie blüht vom 8. August bis 9. September. Momentan leider noch nicht…“, erläutert Brockmann.

Trotzdem faszinierend, denn Besenheide ist ein zähes Kraut, eine echte Überlebenskünstlerin. Sie braucht nicht viel. Ihre Samen können jahrzehntelang im trockenen Sandboden überleben. Licht, ab und an etwas Wasser und ein Pilz, mit dem sie in enger Symbiose lebt. Der Pilz bindet Stickstoff aus der Luft als Nährstoffquelle für das Kraut und erhält als Gegenleistung Zucker. Bauern nutzten die Besenheide seit Jahrhunderten als Dünger, für die namensgebende Besenproduktion, aber auch für Grün-Dächer. Außerdem dient sie Heidschnucken als Nahrung und als Rohstoff für den berühmten Heidehonig.„Hat jemand schon einmal so einen Baum gesehen und kennt seinen Namen?“, Jan Brockmann steht neben einer stachligen Pflanze und schaut in ahnungslose Gesichter. „Das ist ein Wacholder. Ihr könnt ihn gerne einmal anfassen!“

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Weitläufige Pfade durch die Kulturlandschaft (J. Bremer)

Wacholder mit seiner zypressenähnlichen Gestalt ist in der Lüneburger Heide Charakter- gebend. Die blauschwarzen Beeren, botanisch eigentlich Zapfen, haben einen würzigen Geschmack und dienten früher als Heilmittel bei Verdauungs- und Atembeschwerden. Anfassen ist allerdings nicht so toll, denn Wacholder ist sehr stachelig.

Brockmann leitet die Wanderer durch einen lichten Wald. Alle sind froh, endlich aus der Hitze in den Schatten zu gelangen. Der Weg führt einen Hügel hinauf, von dem sich der Blick in ein großes Tal weitet. „Das ist der Totengrund. Wunderschön und etwas unheimlich zugleich!“, klärt Brockmann auf. Unzählige Wacholder- und Heidepflanzen soweit das Auge reicht machen dieses Tal mitten im Naturpark zu einer Besonderheit. Vor allem in der Zeit der Heideblüte ist sie als Meer aus Blüten sehr sehenswert. Im Moment blüht allerdings nur die Phantasie.

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Ein Blick auf den bekannten Totengrund (J. Bremer)

„Es gibt verschiedene Theorien, wie der Totengrund entstanden ist und zu seinem Namen kam“, lässt Brockmann die Wanderer wissen Eine besagt, ein Meteoriteneinschlag habe alles Leben ausgelöscht und diesen ‚toten Grund‘ zurückgelassen. Eine andere Theorie lautet, früher seien die Toten in einem Leichenzug durch den Totengrund getragen worden, da dafür keine öffentlichen Straßen genutzt werden durften. Die Geister von damals hielten sich, noch immer dort auf. Nüchtern betrachtet ist der Totengrund glazialen Ursprungs. Hier lag nach der letzten Eiszeit ein riesiger Toteisblock, der erst später abtaute und das Trockental, den Totengrund, entstehen ließ. Aller Wahrscheinlichkeit resultiert der Name daraus, dass auf dem trockenen und nährstoffarmen Boden nur wenig wächst.

Durch weitläufige Wiesen geht es dann hinab in einen kleinen Ort, in dem die Wanderer Mittagspause machen und sich für den Rückweg erholen können. „Wir sind hier in Wilsede, einem kleinen Heidebauerndorf mitten im Naturschutzgebiet!“, sagt Brockmann. Wilsede ist anders als andere Orte: Das idyllische Dorf ist ausschließlich mit Kutsche, Fahrrad oder zu Fuß zu erreichen und hat nur 40 Einwohner. Durch die vielen historischen Gebäude wirkt es wie ein lebendiges Museumsdorf, und tatsächlich fühlt man sich spätestens dann in die karge Zeit vor 250 Jahren versetzt, wenn man das kleine Heidemuseum besucht.

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Das erworbene Heide-Ranger-Diplom

Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für ein Gruppenfoto passieren die Wanderer auf dem Rückweg eine von Wacholder umgebene Findlingsansammlung: ‚Hannibals Grab‘ steht dort etwas dramatisch. „Ihr denkt doch nicht etwa, dass hier wirklich jemand begraben ist – und schon gar nicht Hannibal?“, Jan Brockmann schmunzelt. Auf einer Kunst-Ausstellung in Hannover, so erläutert Brockmann, wurde in den 1920er Jahren auf einem Gemälde des Grabes von Hannibal im heutigen Golf von Ismit, Türkei, eine frappierende Ähnlichkeit mit den Findlingen in der Heide festgestellt. So kam es zu dem Namen – und so entstehen Mythen und Legenden.

Sportliche 11 Kilometer Wegstrecke liegen am Ende hinter den erschöpften Gesichtern. Vielfältige und interessante Eindrücke der Kulturlandschaft Lüneburger Heide – einer Landschaft voller Ursprünglichkeit, Mythen und Legenden, fahren mit dem Bus Richtung Heimat. Im Bus sitzen nun übrigens zwei Dutzend frisch Diplomierte Heide-Ranger – von Jan Brockmann persönlich ausgezeichnet.

 

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